Sich fremd fühlen

Ablehnung des Anderen

Das Anders-sein Anderer ist einem nicht so vertraut. Manchmal wirkt das Fremde exotisch-faszinierend, manchmal aber auch bedrohlich.

Besondere Probleme, die mir SchülerInnen schilderten waren:

  • SchülerInnen, die hier nicht geboren sind, werden z. B. als "Russen", "Polen", "Marokkaner" angesehen, obwohl sie sich als Deutsche sehen.
  • in Deutschland geborene Türken/Kurden, die (anders als die Eltern) die deutsche Sprache und Kulturinhalte (Verhaltensregeln) perfekt beherrschen und deren privates Leben sich enorm unterscheidet von dem ihrer ("deutschen") FreundInnen. Dadurch müssen sie doppelte Leistung bringen, um das gleiche Ansehen und den selben beruflichen Erfolg zu haben wie die in nur einer Kultur aufgewachsene SchülerInnen (die sich als "Deutsche" verstehen).
  • Schülerinnen, die sich durch macho-haftes und eingebildetes Männlichkeitsgehabe von ausländischen Mitschülern belästigt, besonders auch in der Klasse 8 körperlich/sexuell bedroht fühlten.
  • ausländische Schüler, die die deutsche Sprache nicht perfekt beherrschen und sich manchmal MitschülerInnen unterlegen fühlen.
  • schwarze Schüler, die häufiger von der Polizei auf der Straße kontrolliert werden als andere.

Gegen eine Opferrolle von MigrantInnen

Trotz nicht zu leugnender Diskriminierungserfahrung bezieht zum Beispiel Kübra Yücel eindeutig Position gegen eine Opferrolle:

"Bis heute kann ich mich über Menschen, die sich in Mitleid einlullen und hilflos dreinblicken furchtbar ärgern. Vor allem weil sie meistens gar nicht hilflos sind. (...)
Ja, es wurde in den vergangenen Jahren Islamhetze betrieben. Ja, Möchtegern-Experten haben in Talkrunden eine ganze Religionsgemeinschaft verunglimpft. Ja, es besteht eine irrationale Angst vor 20 Prozent der Weltbevölkerung. Ja, es existiert eine offene, teilweise gewalttätige Feindseligkeit. Und ja, das alles ist furchtbar. Deshalb ist es nur menschlich, wenn sich mein Bekannter im ersten Moment wie ein hilfloses Opfer fühlt.
Was mich ärgerte war, dass er erst wehleidig wurde ("Wir werden von allen angegriffen") und dann die eigene Opferrolle romantisierte ("Aber dafür haben wir Gott auf meiner Seite"). Und er ist beileibe nicht der Einzige. Doch wer so handelt, macht es sich in einer Pose gemütlich, die keinen Ausweg kennt und nur sich selbst sieht.
Aber: Muslime haben keine Exklusivrechte auf die Opferrolle. Trotz all dem Tamtam bleibt Islamfeindlichkeit nämlich nur eine von vielen Formen der Diskriminierung. Schwarze, Juden, Schwule, Frauen - sie machen alle solche Erfahrungen. Muslime waren und sind nicht allein damit. Ausgrenzung und Herabwürdigung sind schließlich gesamtgesellschaftliche Themen. Muslime müssen sich nicht ganz allein für ihre Belange einsetzen. Weder mein Bekannter noch ich sind also allein und schon gar nicht hilflos. Gemeinsam mit anderen können wir Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Islamophobie bekämpfen. Klar, erleben wir Dinge, da müssen wir weinen dürfen. Aber nicht stets und ständig.
Mit der Mitleidstour und dem Opferblick retten [sie] nämlich nur sich selbst. Andere Menschen, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden, bemerken sie nicht."

(Kübra Yücel hat einen eigenen Blog und schreibt für die taz.
Textquelle: http://www.taz.de/1/debatte/kolumnen/artikel/1/buhu-heul-wuerg/ ; erschienen am 21.12.2010, Seitenaufruf: 26.08.2011)

Wer weitere Hintergründe zu Diskrinierungen erfahren möchte, erfährt dies z. B. unter Extremismus und Homophobie.

Deutschland heute: Vielfalt

tuerkin

Merksätze

  1. Vorurteile zwischen Gruppen kann man mit einer Waage vergleichen: Was der Fremdgruppe negativ angelastet wird, erscheint bei der eigenen Gruppe positiv: Aufwertung durch Abwertung, Weißmalerei durch Schwarzmalerei.
  2. Mit Vorurteilen kann man Verantwortung abschieben: Für das eigene Versagen oder Frust. Die andere Gruppe wird dann gerne zum "Sündenbock" oder "Feindbild" gemacht.
  3. Nur wer echtes Selbstbewusstsein hat, kann sich tolerant zeigen. Wem das Selbstbewusstsein fehlt, benötigt Feindbilder.

Hier ein paar Tipps der "gelben Hand" (s. rechts) für den Fall, dass du Zeuge eines Übergriffs wirst:

  • Übernimm eine Leitfunktion, sprich andere Umstehende persönlich an („Sie da, im grünen Mantel, helfen Sie mir und rufen die Polizei!“). Wenn eine/r reagiert, ziehen andere meist nach und es entsteht eine Art Schneeballeffekt. Die Angreifer begreifen, dass sie nicht auf Gleichgültigkeit stoßen und schon gar nicht auf Zustimmung. Dass sie erkenn- bar in der Minderheit sind, macht die Situation für sie unangenehm.
  • Duze die Täter nicht. Das könnte einerseits einen Kon- flikt anheizen. Zum anderen könnten Dritte den Eindruck gewinnen, es handele sich um einen rein privaten Konflikt. Lass dich sprachlich nicht provozieren. Das könnte zu einer Eskalation führen.
  • Wenn die Angreifer sich aus dem Staub machen, braucht die Polizei, um ermitteln zu können, von dir genaue Anga- ben über die Täter: Größe, Alter, Kleidung, besondere Merkmale.

Lesetipps

Wir leben hier! Ausländische Jugendliche berichten. (Von Ulrike Holler und Anne Teuter, Alibaba Verlag 1992)

33 Jugendliche schreiben über ihr Leben in Deutschland. Manche sind hier geboren , andere in fremden Ländern. Manche kamen, um der Not in ihrer Heimat zu entgehen, andere sind schon immer hier und kämpfen um ihren Platz in der Gesellschaft. Ein bisschen fremd fühlen sie sich alle.

Wolfslämmer (Von Heinz Knappe, Verlag rororo 1992)

Geschichte eines türkischen Mädchens und eines deutschen Jungen, die in die Auseinandersetzung zwischen zwei Jugendgruppen geraten.

Keine Chance - Wer geht denn schon mit Türken? (Annette Weber, Verlag an der Ruhr 2004)

Der türkische Junge Sinan wird bei einem Ladendiebstahl mit seiner Clique erwischt. Obwohl er nur Mitläufer war, wird er von seinen "Freunden" zum Hauptverantwortlichen erklärt. Sein Vater ist entsetzt und empfindet den Diebstahl als Schande für die ganze Familie.

 

KUMPEL
("Die gelbe Hand", eine Aktion des DGB)