Unterrichtskritik

Spickmich oder doch offene Kritik?

Bis vor einiger Zeit lebte der Gründer des Internetportals "Spick mich" in meinem Haus."Spick mich" war eine deutsche Plattform für Schüler*innen in Form einer interaktiven Jugendzeitschrift. Sie zählte im März 2010 mit angeblich über 1.600.000 Nutzern zu den größten Plattformen in der Zielgruppe, verletzte jedoch nach Ansicht vieler Lehrkräfte deren Persönlichkeitsrechte. Auch wenn ich mit dem Gründer nicht über seine eigene Motivation zu diesem Projekt sprach, so war doch nicht selten das Motiv für Einträge bei solchen Bewertungsseiten ein anderes als z. B. bei Bewertungsportalen für Hotels. Sicher diente es nie der Verbesserung des Unterricht durch "Evaluation" (siehe: Kasten rechts).

Die Diskussion mit dem Stichwort "Evaluation" wird zwischen Lehrern, in den Hochschulen und der Politik schon lange geführt. Fortgesetzt wurde sie durch die Umsetzung von Fremd- und Selbstevaluation der Schulen sowie der NRW-Qualitätsanalyse.

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"Teacher of the Year" als Dank oder Motivation? (Foto: Privat)

Ich selbst habe schon häufig am Ende des Schuljahres anonyme Bögen verteilt, eingesammelt und die Ergebnisse auf Wunsch der Lerngruppe vorgelesen, denn ich meine:

Begründete Unterrichtsmeinungen von Schülerinnen und Schülern sind häufig hilfreich, um unbeabsichtigte Fehler abzustellen oder nicht weit genug /anders gedachte Unterrichtsverläufe zu verändern. Zu selten ist eine zweite pädagogisch oder didaktisch ausgebildete Person im Unterricht, die mit dem Lehrer / der Lehrerin reflektiert.

So sind doch die Schüler*innen "natürliche" Spezialisten von Unterricht: fast jede 45 Minuten erleben sie eine neues Konzept und einen neuen Akteur. Der Vorteil von Schüler-Bewertungsbögen: der Lehrer kann entscheiden, wie er damit umgehen möchte: Mache ich es transparent? Wie viel will ich selbst ändern? Evaluation ist häufig eingebettet in ein Konzept von Sanktionen. Hier ist das nicht der Fall.

Unterricht wie bei Loriot?

Unterricht mit offener Tür

Bei meinem Unterricht lasse ich die Türe zwar nicht offen stehen, aber jede/r, der möchte ist in der Regel als Besuch willkommen. So sitzen in meinem Unterricht nicht selten Prakantinnen und Praktikanten, Referendarinnen und Referendare, ehemalige SchülerInnen und manchmal sogar ehemalige Schüler, die nun selbst auf Lehramt studieren und zum Beispiel für ein Projekt den Unterricht begleiten möchten - teilweise mit der Kamera (natürlich nach vorheriger Erlaubniseinholung bei den Eltern).

Ich will damit sagen: Unterrichtskontrolle - nicht nur durch den Dienstherrn - findet statt. Ich bin da aber nicht der einizge: Viele meiner KollegInnen handhaben das genauso. Spickmich brauchen sie wohl kaum.

Worterklärung: "Evaluation"

Evaluation oder Evaluierung (von lat. "valere": gesund, stark, geeignet sein) bedeutet allgemein die Untersuchung, also die Beschreibung, Analyse und Bewertung von Projekten. Hier bezieht sich der Begriff auf "Schulevaluation".

Seit dem "PISA"-Schock hat in Deutschland die Evaluation größere Relevanz bekommen (PISA = inter- nationale Schulleistungsunter- suchungen). Aus den Niederlanden lernte man zum Beispiel die "Schulinspektion" kennen und übernahm davon Teile in NRW in die heutige "Qualitätsanalyse".

"Die Qualitätsanalyse als Verfahren der externen Evaluation ist für alle Schulen in Nordrhein-Westfalen seit August 2006 verpflichtend. (...) Ziel der Qualitätsanalyse ist, Schulen datengestützte Erkenntnisse über ihre schulische Arbeit zur Verfügung zu stellen, die sie für ihre Weiter- entwicklung nutzen können." (Text: Schulministerium NRW)