Sozialwissenschaften

Sowi-Bereich: Wirtschaft

Fangen wir direkt mit einem Klassiker an- Adam Smith und sein Zitat über die "unsichtbare Hand":

"Nun ist aber das Volkseinkommen eines Landes immer genau so groß wie der Tauschwert des gesamten Jahresertrags... Wenn daher jeder einzelne soviel wie nur möglich danach trachtet, sein Kapital zur Unterstützung der einheimischen Erwerbstätigkeit einzusetzen und dadurch diese so lenkt, daß ihr Ertrag den höchsten Wertzuwachs erwarten läßt, dann bemüht sich auch jeder einzelne ganz zwangsläufig, daß das Volkseinkommen im Jahr so groß wie möglich werden wird. Tatsächlich fördert er in der Regel nicht bewußt das Allgemeinwohl, noch weiß er, wie hoch der eigene Beitrag ist. Wenn er ... dadurch die Erwerbstätigkeit so fördert, daß ihr Ertrag den höchsten Wert erzielen kann, strebt er lediglich nach eigenem Gewinn. Und er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat... ja, gerade dadurch, daß er das eigene Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun. Alle, die jemals vorgaben, ihre Geschäfte dienten dem Wohl der Allgemeinheit, haben meines Wissens niemals etwas Gutes getan... Der einzelne vermag ganz offensichtlich aus seiner Kenntnis der örtlichen Verhältnisse weit besser zu beurteilen, als es irgendein Staatsmann oder Gesetzgeber für ihn tun kann, welcher Erwerbszweig im Lande für den Einsatz seines Kapitals geeignet ist und welcher einen Ertrag abwirft, der den höchsten Wertzuwachs verspricht."

(Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, aus dem Englischen neu übertragen nach der fünften Auflage [1789] von Horst Claus Recktenwald, München 1974, Buch IV, Kapitel II, S. 370 f.)

konjunktur

Konjunkturverlauf / Konjunkturzyklen (Bild: wikipedia, Berhard Ladenthin)

Über 200 Jahre nach dem Tod Adam Smith´ - dem Vertreter des klassischen Liberalismus - beschäftigen wir uns in der 12. Klasse weiterhin mit ihm, mit Vorstellungen zur Gesellschaft und dem Wirtschaftsleben, weil damit Konzepte des sog. Neoliberalismus und deren Gegenentwürfe verbunden sind. Wie der klassische Liberalismus wendet sich auch die Mehrheit der Vertreter des Neoliberalismus gegen ein aktives Eingreifen des Staates in die Wirtschaftsprozesse, fordert jedoch eine staatliche Ordnungspolitik zur Förderung des Wettbewerbs. Dagegen bezeichnet Keynesianismus auch verschiedene wirtschaftspolitische Modelle, die darauf ausgerichtet sind, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu steuern und bei Bedarf die Wirtschaft durch vermehrte Staatsausgaben zu beleben (-> Konjunkturtheorien). Als Hochphase des Keynesianismus weltweit gilt die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (in Deutschland ab 1967) bis in die 1970er Jahre. Der Keynesianismus auf John Maynard Keynes’ "Allgemeiner Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" von 1936 zurück, in dem die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die entscheidende Größe für Produktion und Beschäftigung ist.

Business as usual.

Portrait "Adam Smith"

Adam Smith gilt als der Begründer der klassischen Nationalökonomie. Außerdem war er ein schottischer Moralphilosoph und Aufklärer. Seine Geisteshaltung ist geprägt durch die Vorstellung des Vorhandenseins einer biologischen Grundausstattung,
die für alle Menschen und alle Zeiten gleich sei. Zu dieser Grundausstattung gehöre egoistische Selbstliebe, die jedoch zu zügeln sei. Eine Möglichkeit dazu bestehe durch die Neigung des Menschen zu tauschen, womit wir im Feld der Ökonomie wären. Smiths Vorlesungen in Moralphilosophie bildeten 1759 die Grundlage für die Veröffentlichung seines philosophischen Hauptwerkes "Die Theorie der ethischen Gefühle". Darin bezeichnet er die Sympathie für die Mitmenschen als Grundlage der Moral und als Triebfeder der menschlichen Arbeit. Daraus folgt auch Smiths Wirken in der Ökonomie, seine Beschäftigung mit der Arbeitsteilung und dem Prinzip des freien Marktes, der Verteilungstheorie, der Außenhandelstheorie und der Rolle des Staates.

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Adam Smith (* 5. Juni 1723, † 17. Juli 1790) 1787 (Foto: wikipedia)

Smith beginnt im ersten Kapitel des Wohlstand der Nationen mit einer Untersuchung der Arbeitsteilung, die nach seiner Auffassung von zentraler Bedeutung für wachsenden Wohlstand ist. Den Mechanismus der Preis- bildung erklärt Smith im Wohlstand der Nationen (Erstes Buch, Kapitel 7). Er unterscheidet zwischen dem natürlichen Preis und dem tatsächlich gezahlten Preis, dem Marktpreis. Er geht dabei davon aus, dass in jeder Gesellschaft übliche oder natürliche Sätze für den Arbeitslohn, den Kapitalgewinn und die Grundrente existieren. Ein überhöhter Marktpreis vergrößere das Angebot, wodurch der Marktpreis sinkt. Ein zu niedriger Marktpreis vermindere das Angebot, wodurch der Marktpreis steige. "Aus diesem Grund ist der natürliche Preis gleichsam der zentrale, auf den die Preise aller Güter ständig hinstreben." Dieser Mechanismus wird üblicherweise mit der unsichtbaren Hand des Marktes umschrieben, wobei Smith selbst die Metapher von der unsichtbaren Hand an anderer Stelle im Wohlstand der Nationen verwendete.

Keynesianismus versus Neoliberalismus

Wirtschaftspolitische Fragen sind bis heute der Grund für (partei-) politischen Streit. Ich dokumentiere hier einen Argumentationsansatz, der sich gegen den "Neoliberalismus" richtet.

"Albrecht Müller stellt auf den NachDenkSeiten (anhand Daten des Statistischen Taschenbuchs 2009 des BMAS und eigener Berechnungen) komprimiert und übersichtlich die wichtigsten wirtschaftlichen Kennzahlen der Jahre 1966-1982, in der eine nachfrageorientierte Politik betrieben wurde, und der Epoche 1992-2008, in der die Wirtschaftspolitik neoliberal ausgerichtet war (sie ist es seit 1982 bis heute), gegenüber:

1966-1982  
Reales BIP ( JD) +2,7%
Arbeitslosenquote 7,5% in 1982
Preise BIP (JD) +4,7%
Staatsschuld in % des BIP +19,1%-Punkte
Nettorealverdienste (JD) +2,1%
Lohnquote +6,8%-Punkte
Kapitaleinkommensquote -3,8%-Punkte
1992-2008  
Reales BIP ( JD) +1,4%
Arbeitslosenquote 8,7% in 2008
Preise BIP (JD) +1,1%
Staatsschuld in % des BIP +23%-Punkte
Nettorealverdienste (JD) -0,0%
Lohnquote -7,2%-Punkte
Kapitaleinkommensquote +6,2%-Punkte

Die Auswirkungen der neoliberalen Politik seien u.a. eine hohe Arbeitslosigkeit, eine dadurch (einnahme- und ausgabenbedingt) sinkende soziale Sicherung, hohe Staats- verschuldung, marode Infrastruktur, prekäre Arbeitsverhältnisse und niedrigere Löhne.

Müller analysiert dort auch, welche Erfolge die „unverwässerte“ Globalsteuerung der Wirtschaft zur Ankurbelung der Nachfrage im Jahre 1967 zeigen konnte: es gab ein starkes Wirtschaftswachstum, die Arbeitslosigkeit wurde gesenkt, das außenwirtschaftliche Gleichgewicht wurde bewahrt, die Inflation blieb im vernünftigen Rahmen und der Schuldenstand wurde reduziert. Diese Wirtschaftspolitik verhinderte eine „Reservearmee“ von Arbeitslosen und so die Lohndrückerei – ein Grund, so Albrecht Müller, warum sie von manchen Seiten abgelehnt wird.

U.a. wohl auch von Leuten, die für die deutschsprachige Wikipedia schreiben, wo im Artikel über die Globalsteuerung nach einer knappen Beschreibung ein Scheitern dieser behauptet wird und ausführlich die übliche neoliberale Kritik – hohe Staatsverschuldung und Inflation – unkommentiert geschildert wird (ohne Berücksichtigung der ökonomischen Kennzahlen). Auch wenn der Artikel seit gestern etwas verändert wurde: dass die Globalsteuerung „gescheitert“ sei, wird dort als ein Faktum dargstellt. Die neoliberale Propaganda vermischt eben gerne Meinung und Tatsachen, wie es Propaganda so tut. Doch hier sollte man einmal die Daten und Fakten sprechen lassen. Und die sprechen eine andere Sprache."

(Text: Markus Weber, Guardian of the blind, 05.02.2010)