Unterstützung als Lehrer (-in)
Aus meiner Personaratsarbeit weiß ich, dass Lehrerinnen und Lehrer Hilfe und Unterstützung benötigen. Ich weiß aber auch, wie oft die rechtlich vorgeschriebene "Fürsorgepflicht" des Dienstherrn versagt. Deshalb befindet sich im Anschluss an diese alphabetische Liste mit Unterstützungstipps ein beispielhafter Forderungskatalog an Verantwortliche, wie er sich aus dem Worstcase wie "Emsdetten" ergibt. Aber auch der "normale" Arbeitstag einer Lehrerin bzw. eines Lehrers ist schon belastend genug.

A wie Auszeit
siehe dazu: meine Worterklärung zum Sabbatjahr

B wie Beleidigungen / Bedrohungen
Unter dem Obergriff  "Gewalt" ist in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme von Übergriffen gegen Lehrkräfte zu verzeichnen. Auffallend ist dabei die Steigerung in der Art der Übergriffe. 
Seit über 10 Jahren arbeite ich selbst in einem Anti-Gewalt-Projekt mit (außerhalb von Schule), dass sich um die Betreuung von Gewaltopfern kümmert. Dadurch sind mir die Folgen bei Gewaltopfern - in meiner Personalratsarbeit: bei Lehrkräften - deutlich, die bis zum Ausscheiden aus dem Dienst gehen können. Nach den Vorfällen von Emsdetten hat unser Personalrat einen Brief geschrieben, den ich am Ende der Seite dokumentiere (Forderungskatalog).

E wie Emsdetten, Erfurt, Erziehung
- siehe oben unter: Beleidigungen / Bedrohungen 

G wie Gewerkschaft
Auch wenn der Wind sich gegen Gewerkschaften gedreht hat: Nur gemeinsam sind wir stark - Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

H wie Hilfe!
... gibt es auch online beim "Lehrer-Notruf" (er scheint seriös zu sein).

I wie Interessenvertratung
Personalräte vertreten die Interessen von Beschäftigten. In jedem Lehrerzimmer finden Sie die Adressen Ihrer zuständigen Personalratsmitglieder (oder Sie sollten dort zumindest hängen),
ansonsten siehe oben: "Gewerkschaft". Dort sind auch GEW-Personalratsmitglieder aufgeführt.

J wie Junge GEW
hier

K wie Kultusministerium
- in NRW: Ministerium für Schule und Weiterbildung (MSW NRW).

L wie Lärm und Lernen lernen
Mehr Infos zum Lernen Lernen bei Wolfgang Pohl (meines Wissens nicht mit mir verschwägert.:-)

Lärm: Ist es in Ihrer Klasse zu laut? Ein nicht unwichtiger Grund für Lärm in den Klassen ist auch die Akustik. Hohe, relativ kahle Räume ohne Teppich haben lange Nachhallzeiten. Hintergrundgeräusche sind ungedämpft lange zu hören und das gesprochene Wort ist schlecht zu verstehen. In einer ruhigen Klasse herrscht ein mittlerer Geräuschpegel von etwas 52 Dezibel, in einer lauten Klasse bis zu 100 Dezibel (Studie der Universität Edingburgh). Mit durchschnittlichen 75 Dezibel liegt man im Lärmpegel einer Hauptverkehrsstraße. Dies führt zu steigendem Blutdruck, beschleunigter Herzfrequenz und körperlichem Stress. Wer sich gegen diesen Lärmpegel durchsetzen möchte, muss noch lauter reden. Stimm- und Kehlkopfprobleme sind die Folgen. Leider wird die Bedeutung der Akustik unterschätzt. Vielmehr wird das Verhalten der Schüler, mangelnde Disziplin oder die eigene pädagogische Kompetenz verantwortlich gemacht.

M wie Mobbing
Mobbing und besonders Bossing (Mobbing durch Vorgesetzte) sind häufiger als erwartet und Schaden dem System Schule stärker als Beteiligte wahr haben wollen. Nicht jeder Streit, jeder Vorwurf ist Mobbing! Regelmäßige, wiederkehrende Situationen sollten Sie sofort notieren. Sprechen Sie vertraulich mit dem zuständigen Personalrat!
Es gibt Hotlines und ausführliche Informationen über den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). [Sind Sie Gewerkschaftsmitglied?]

N wie Nebentätigkeiten
Nebentätigkeiten von LehrerInnen sind grundsätzlich genehmigungspflichtig. Sie werden nicht genehmigt, wenn "dienstliche Interessen beeinträchtigt " werden könnten - konkret: wenn die zeitliche Beanspruchung durch eine oder mehrere Nebentätigkeiten in der Woche ein Viertel der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit überschreitet. Die Genehmigung kann auch widerrufen werden, z.B. wenn eine "erhebliche Beeinträchtigung des Arbeitsmarktes" vorliegt.

O wie Online-Angebote für den Unterricht (kostenlos)
www.bildungsserver.de , Bildungswiki , www.zum.de , www.schule-im-netz.de , www.tb-u.de , www.lehrer-online.de , www.innovative-teachers.de (Microsoft-dominiert....!), , www.lehrerfreund.de/

P wie psychische Belastung

Der Lehrerberuf enthält ein hohes Beanspruchungspotential. Kaum ein anderer Beruf geht mit vergleichbar komplexen, intensiven und über viele Stunden praktisch ununterbrochen ablaufenden sozialen Interaktionen einher. Dies führt in besorgniserregender Weise zu psychischen und psychosomatischen Beschwerden. Um die Lehrergesundheit zu erhalten, müssten Lehrkräfte und Schulleitungen auf ein differenziertes, niedrigschwelliges Unterstützungssystem (z. B. Fortbildungs- und Beratungsangebote) zurückgreifen können. Download zu psychischen Belastungen: GEW-Faltblatt (pdf).

R wie Realschule
siehe: GEW-Fachgruppe Realschule NRW.

S wie Schulen in Nordrhein-Westfalen (Statistik)

 
Schulform
Anzahl der Schulen in NRW
Anzahl der Beschäftigten
Grundschulen 3392 52.500
Hauptschulen 718 18.500
Realschulen 511 16.700
Gymnasien 520 29.600
Gesamtschulen 202 17.000
Förderschulen 658 15.500
Weiterbildungskollegs 47
Berufskollegs 359 20.200
Gesamt: 6313

ca. 162.000

T wie Teilzeitbeschäftigung
Nach § 85a LBG sollen die Stundenplanwünsche von Teilzeitbeschäftigten berücksichtigt werden, also auch die Einplanung eines unterrichtsfreien Tages. Genauso werden Präsenzpflichten reduziert (z. B bei bestimmten Konferenzen, bei denen die Einsichtnahme in das Protokoll reicht).
Bei Teilzeit ändern sich z. B. nicht: Beihilfe oder Sonderurlaubsregelung, vermögenswirksame Leistungen.

U wie Unterrichtsstörungen
Nicht selten geht dieses tägliche Problem auf der Tagesordnung von Verantwortlichen bei hehren Zielen wie Unterrichtsentwicklung und Unterrichtsqualität verloren. Peinlich reduziert heißt es dann schlicht: "Klasse nicht im Griff?" 
Im Internet gibt es endlose "Hilfen" unter dem Stichwort "Unterrichtsstörungen". Um Lösungswege zu finden, sollte aber wenigstens ein Teil des eigenen Kollegiums der Lehrerin oder des Lehrers eingebunden werden.
Ich selbst möchte hierzu eine Erfahrung berichten und beispielhaft auf zwei Internetseiten verweisen.
Erfahrung: An unserer Schule haben wir 7 Unterrichtsregeln vereinbart. Bei dreimaligen Verstoß gegen einer dieser Regeln muss die Schülerin oder der Schüler am Folgetag in der 7. Stunde nacharbeiten. Die Nacharbeit wird von KollegInnen (laut Konferenzbeschluss) - freiwillig und unbezahlt ! - beaufsichtigt. Jede/r übernimmt drei Mal im Schuljahr die Aufsicht, die Schulleitung hat jeden Freitag übernommen. Internettipps:
1) www.gew.de/Binaries/Binary4105/u_stoerungen.pdf von Rainer Winkel
2) Clemens Hillenbrands "KlasseKinderSpiel": 

Hinweis: Die Tipps beider Seiten habe ich in der Realität noch nicht überprüft!

V wie Vorbereitungsdienst
Der Vorbereitungsdienst wird häufig nur "Referendariat" genannt. Als Referendar(-in) hilft z.B.: www.lehramtsreferendariat.de 

W wie Wanderfahrten (WRL) 
Schulwanderungen und Schulfahrten sind ein wichtiger Betandteil im schulischen Leben - sie werden hochoffiziell von allen Seiten als "pädagogisch wertvoll" erachtet. Zahlen müssen Sie als Kollegin oder Kollege allerdings selbst. Und die Mehrarbeit an sich wird im Grunde nicht vergütet. Sie müssen unterschreiben, dass Sie darauf verzichten (wenn die noch nie ausreichenden Mittel erschöpft sind...), sonst können Sie (und Ihre Klasse) den "Ausflug" nicht machen. So einfach ist das (leider).
Der Rahmen für Wanderfahrten wird von der Schulkonferenz festgelegt. Sie MÜSSEN aber in jedem Fall udn vor jeder Schulwanderung und jedem Unterrichtsgang die Erlaubnis der Schulleitung erhalten haben - schriftlich.

Z wie Zeugnisse
Bei den Fächern mit Defiziten müssen die Zeugnisse "Förderempfehlungen" enthalten. Hier ein Beispiel.


 LehrerInnen in Gefahr - Forderungskatalog

Aufgrund der Vorfälle in Emsdetten und der Gewaltzunahme (auch im Internet) gab mein Personalrat (HPR RS NRW) im Januar 2007 ein Schreiben an die Lehrerinnen und Lehrer heraus, in dem sie gebeten wurden, den Inhalt des Anliegens in ihrem politischen Umfeld einzubringen und offensiv zu vertreten.
Hier die benannten Probleme und wichtigsten Forderungen:

· die Betreuungsdichte durch Sozialpädagogen und Psychologen ist zu erhöhen
Nach Erfurt hatte die Politik versprochen, für je 5.000 Schülerinnen und Schüler einen Schulpsychologen zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich steht nur für bis zu 12.500 Schülerinnen und Schüler ein Schulpsychologe zur Verfügung. Diese "Betreuungsdichte" ist vor der Folie der gesellschaftlichen Wirklichkeiten gänzlich unerträglich. Die Lehrerinnen und Lehrer erwarten kurzfristig eine Aufstockung der Stellen zu ihrer Unterstützung.

· der Schutz der Beschäftigten durch die Dienststelle ist zu gewährleisten
Uns wird berichtet, dass zunehmend Lehrkräfte Opfer von Verunglimpfungen durch Schülerinnen und Schüler - insbesondere in den Chatrooms im Internet werden. Das ist oft von übelster Machart und verletzt damit häufig die Würde der Person. Wir erwarten, dass der Dienstherr im Rahmen seiner Fürsorgepflicht die Kolleginnen und Kollegen bei der Ausübung ihrer Diensttätigkeit vor derartigen Denunzierungen weitestgehend schützt und ihnen ggfs. juristischen Beistand gewährt. 

· das Beratungsstundenkontingent ist aufzustocken
Ein möglicher erster Schritt zur Problembewältigung hin bietet sich über die Beratungslehrerinnen und Beratungslehrer an, die an jeder Schule tätig  sind. Diese müssen vermehrt Möglichkeiten zur Beratung erhalten, um ihre Unterrichtstätigkeit je nach Problemlage der Schule flexibel gestalten zu können. 

· die Werterziehung ist konsequent umzusetzen
Wir werden zunehmend von Kolleginnen und Kollegen darüber informiert, dass u.a. wegen der Lernstandserhebungen und der zentralen Abschlussverfahren Religionsunterricht/Praktische Philosophie gekürzt wird oder in einigen Jahrgangsstufen ganz wegfällt. Das bedeutet, dass ein wichtiger Bereich der Werteerziehung ersatzlos gestrichen wird zugunsten der Fächer D-M-E etc., obwohl in der Verfassung so garantiert. Wir bitten Sie, dafür Sorge zu tragen, dass der Unterricht in Religionslehre/Praktische Philosophie ordnungsgemäß erteilt werden kann und auch die anderen Angebote zur Stärkung des Arbeits- und Sozialverhaltens nicht dem Leistungsdruck zentraler Prüfungen zum Opfer fallen, wie das an einigen Realschulen bereits der Fall ist.

· die Medienkompetenz ist weiterzuentwickeln 
Auch wenn Gewaltdarstellungen in den Medien nur eine Ursache für Ausschreitungen sein können, so besteht doch ein Zusammenhang für die zunehmende Gewalt an Schulen bei dafür anfälligen Schülerinnen und Schülern, aus welchen Gründen auch immer. Es ist wichtig, dass die Lehrerinnen und Lehrer über diese Phänomene informiert und im Umgang damit geschult werden, um frühzeitig zu erkennen, mit welchen möglichen medialen Gewaltprodukten sich Schülerinnen und Schüler beschäftigen und wie dagegen vorzugehen ist.

· die Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen Dienststellen ist zu intensivieren
In einigen sozialen Brennpunkten hat es sich durchgesetzt, dass regelmäßige Polizeibesuche in Schulen stattfinden. Diese Zusammenarbeit und auch die Kooperation mit anderen Dienststellen (Schulpsychologischer Dienst, Jugendämter, Jugendhilfe) ist auszubauen und zu verstärken. Wir begrüßen an dieser Stelle ausdrücklich die angekündigte Initiative des Innenministers. Allerdings sind dann die geplanten Stellenkürzungen bei den Beschäftigten der Polizei sofort rückgängig zu machen, soll es nicht bei einer bloßen Ankündigung bleiben.

· die Elternarbeit ist auf allen Ebenen zu unterstützen
Ob es sich um die häusliche Erziehungsarbeit der Eltern handelt, ob um die Zusammenarbeit mit der Schule, mit den einzelnen Lehrerinnen und Lehrern die Eltern sind für die Erziehungsaufgaben in einer Gesellschaft zu qualifizieren, die ihren Kindern vermittelt, dass nach dem Schulabschluss vielfach die Arbeitslosigkeit wartet, dass Anstrengung sich nicht immer lohnt, dass das Abtauchen in virtuelle Welten nicht die Realität ist, dass trotz aller  Probleme Gewalt keine Lösung ist und die Eltern wachsam und offen, zusammen mit der Schule, mit der Jugendhilfe, mit der Polizei, Fehlentwicklungen aufdecken und auffangen müssen. Hier sind Konzepte für gemeinsame Aktivitäten in den Schulkonferenzen gefragt, die über die bisherigen Angebote zur Gewaltprävention hinausgehen. 

· die Rahmenbedingungen an Realschulen sind zu verbessern
Seit vielen Jahren haben wir die Schlechterstellung der Realschulen im Vergleich zu den anderen Schulformen im Sekundarbereich kritisiert. Zur Vermeidung weiterer Probleme an Realschulen erwarten wir eine deutliche Verbesserung der S-L-Relation, um kleinere Klassen bilden zu können, um mehr Zeit für Beratung und Fördermaßnahmen zu gewinnen und um Vertretungsunterricht nicht auf Kosten der individuellen Förderung erteilen zu müssen.

· das Angebot von Ganztagsplätzen an Realschulen ist zu erweitern
Durch die Tatsache, dass die Gesamtschule in NRW in der Regel als Ganztagsschule angeboten wird, sind die Ressourcen für die Ganztagsschule fast ausschließlich  dieser Schulform zugeflossen. Nachdem in diesem Jahr in einem ersten Schritt zusätzliche Ganztagsplätze an der Schulform Hauptschule eingerichtet worden sind, war zu erwarten, dass im kommenden Haushaltsjahr 2007 zusätzliche Stellen in den Ganztagsunterricht an der Schulform Realschule fließen. Leider fehlen z.Zt. im Haushaltsentwurf derartige Ressourcen. Wir mahnen dringend an, dies zu korrigieren und wenigstens in den sozialen Brennpunkten Ganztagsplätze für die Schülerinnen und Schüler an Realschulen zur Verfügung zu stellen.


Die GEW NRW fordert ein systematisiertes und koordiniertes Konzept für NRW. Dabei sind dringend erforderlich: eine Meldepflicht (Offenheit), statistische Aufarbeitung (differenzierte Betrachtung der Fälle), ein abgestimmtes Notfall- und Krisenmanagement sowie Ressourcen für die Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern, für Schulpsychologen, Sozialpädagogen und Personal bei der Polizei zur Verfügung gestellt werden. Nur, wenn das Ausmaß der Übergriffe offen gemacht wird, wird auch die Notwendigkeit zu handeln überdeutlich! Ohne ausreichendes sozialpädagogisches und psychologisches Personal an Schulen werden Lehrerinnen und Lehrer weiter mit der gesellschaftlichen Gewalt allein gelassen.


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Vorurteile gegenüber Lehrern, PISA und die Lehrer, PISA und die Eltern, PISA und Ganztag


"Unterstützung als Lehrer (-in)":  Frank G. Pohl: www.frankpohl.de - fgp - Version 4 -  10/2007
-zuletzt geändert: 19.10.2007