Das Mittelalter

Von Burgen, Rittern, Burgfräulein



...und nun die mittelalterliche Wirklichkeit:

 

Wärest du vor 1000 Jahren geboren...,

wärest du wohl eine Bauerntochter oder ein Bauernsohn, hättest keinen Kontakt zur Welt, würdest nicht zur Schule gehen und würdest im Haus und auf dem Feld für den Lehnsherrn, dem du gehörst, arbeiten. Aber fangen wir mal ganz von vorn an:


Aus europäischer Sicht bezeichnet man als Mittelalter die Zeit von 500 bis 1500 n.Chr. Im Mittelalter gehörten die Menschen verschiedenen Ständen an, die streng voneinander getrennt waren.
Klar, es gab auch Ritter und Fürsten. Aber die größte Bevölkerungsgruppe waren die Bäuerinnen und Bauern. Sie lebten in kleinen Dörfern und mussten meistens für das gute Leben von Herzögen, Bischöfen oder dem Kaiser sorgen (je nachdem, wem das Land gehörte). Wenige Menschen im Mittelalter waren Stadtbewohner, die Bürger, meistens Handwerker oder Kaufleute. Man konnte sich den Beruf nicht aussuchen, sondern blieb, was einem Eltern oder Gutsherr (von Geburt an) ausferlegten. 

Die Menschen waren außerdem sehr stark vom christlichen Glaugen geprägt. Sie konnten fast nie lesen und schreiben und auch die Gebildeten bekamen nur viel schlechter als heute Informationen über die Welt. Einige interessante Gedanken über das Leben und Denken im Mittelalter möchte ich von Arno Borst* mit dem Beispiel des Erdbebens von 1348 übernehmen.  Auch heute gibt es Erdbeben und wir wissen, dass sie durch das Zusammenstossen der sich verschiebenden Erdplatten entstehen. Im Mittelalter suchten die Menschen nach den Gründen und bemühten sich um Voraussagen (wie Wissenschaftler heute auch - häufig vergebens), wann das nächste Beben auftritt:


Nach Meinung der mittelalterlichen Gelehrten gehorchten häufige Katastrofen einem "einfachen wie allgemeinen Gesetz....

Wie Aristoteles und Albertus Magnus lehrten, waren [die Ursachen von Erdbeben] Dünste, die sich in Hohlräumen des Erdinnern sammelten und bei der langsamen Verdichtung faulig wurden." Diese Dünste, so meinten manche Menschen des Mittelalters, seien zugleich Ursache für Erdbeben wie auch der Pest - der damals häufigsten Todesursache neben Verhungern oder Kämpfen. An manchem Ort (wie Venedig) raffte die Pest bis zu zwei Dritteln der Bevölkerung hin.
Erst fünfzig Jahre nach dem Erdbeben von 1348 waren die meisten Ruinen des Erdbebens abgetragen und es prägte sich im Geschichtsbewusstsein der Menschen ein, dass ein Zusammenhang bestehen müsse, denn mit dem Beben war das erste Auftreten der Pest verbunden.
Aufgrund der der zahlreichen, großen Leiden, die entstanden waren, suchten die Menschen Trost im Glauben. Der christliche Glaube war ihr unerschütterlicher Halt.


Und trotzdem war das Mittelalter nicht nur eine dunkle, gruselige Leidenszeit mit Toten und großen Verwüstungen durch den Hundertjährigen Krieg, Pest und Erdbeben. Wie sich an der "Aufarbeitung" der schlimmen Erdbeben zeigt, kam man ganz langsam voran:
"Rund fünfzig Jahre dauerte die Aufklärung der Vorgänge von 1348."

Anfangs wussten die Interessierten nicht einmal, den Ausgangspunkt der Beben zu lokalisieren. 
"Der Lindauer Franziskaner Johann von Winterthur liess sich durch wandernde Ordensbrüder Gerüchte von überallher zutragen. Er suchte während des Sommers 1348 den Hauptherd des Bebens in der Lombardei, wo Türme und Mauern einfielen und der Wein sich in den Fässern trübte. Von dem gräßlichen Zusammenwirken des Erdbebens und der Bergstürze um Villach hörte Johann ebenfalls; Näheres erfuhr er nicht, denn die Villacher Franziskaner waren allesamt tot. (...)
Der allmähliche Wandel der Einstellungen förderte die Abkehr vom frommen Stillhalten im Tal der Tränen, die Hinwendung zur tätigen Aneignung des Diesseits, ohne die Weltherrschaft Gottes anzutasten. Die Arbeit kam mühsam voran,...


Die fünf Menschenalter, die sich mit der Erschütterung des vierzehnten Jahrhunderts abplagten, wußten am Ende, wieviel Anstrengung es brauchte, um sich über den Ablauf einer Katastrofe zu unterrichten, um die Querverbindungen zwischen Katastrofen aufzuspüren, um die gesammelten Erkenntnisse an Nachfahren weiterzugeben. ... 

Sie schufen die Voraussetzungen für eine Kontrolle von Katastrofen."


Somit begannen (auch) die Ansätze zur Eindämmung von Katastrofen im leidgeplagten Spätmittelalter.


(*nach: Arno Borst: Barbaren, Ketzer und Artisten. Welten des Mittelalters. München 2.Auflage 1990, S.528 ff. - erschienen in der Serie Piper)

 

 


"Das Mittelalter ": Frank G. Pohl: www.frankpohl.de - fgp - Version 4 -  01/2007
-zuletzt geändert: 11.05.2007